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 Pfadfinder auf den Spuren der Bildung

Porträt: Karl Beirer, Rektor des Berufsschulzentrum Stockach

Sie sind beide gleich alt: Das Stockacher Berufsschulzentrum (BSZ) und das Singener WOCHENBLATT feiern in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag. Und beide denken an die Zukunft. Wie sieht sie im pädagogischen Bereich aus? Ein Gespräch dazu mit BSZ-Rektor Karl Beirer.


Setzt auf eine zukunftsfähige Schule: Karl Beirer, der Rektor des
Stockacher Berufsschulzentrums (BSZ). swb-Bild: Weiß

Frage: Am Stockacher BSZ besuchen etwa 100 Schüler das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ). Viele Beobachter bezeichnen diese Einrichtung als Warteschleife.
Karl Beirer:
Wer sagt, das BVJ sei eine Warteschleife, pauschalisiert und bleibt zu oberflächlich. Es gibt nicht »ein BVJ«. Von außen und an Negativbeispielen betrachtet, mag dieser Eindruck allerdings entstehen. Doch wenn Sie die einzelnen Schulprogramme ansehen, dann stimmt das ganz und gar nicht. Schließlich bringen wir im Landkreis Konstanz 35 bis zu 40 Prozent der Schüler hinterher in einem Berufs- oder Ausbildungsverhältnis unter. Wichtig sind allerdings der enge Kontakt zu den Zubringerschulen im Hinblick auf den Übergang, professionell arbeitende Lehrkräfte, die Suche nach Perspektiven in Nischenbereichen, individuelle Lernbegleitung und eine gute Nachbetreuung. BSZ-Pluspunkte sind die Betreuungskonferenz mit den Klassenlehrern, Jugendberufshelfer Frank Spellenberg, Kooperationslehrerin Karin Jung und Berufsberater Hubert Till - alle in einem gemeinsamen Betreuungszimmer. Und: Kein Schüler hat nur Schwächen. Wir müssen seine Stärken, seine Talente herausfinden und geeignete Fördermöglichkeiten schaffen. Wir verwenden zum Beispiel Unterrichtsmaterialien in Mathe oder Deutsch mit sehr guten Differenzierungsmöglichkeiten – angestoßen von der Landesarbeitsgemeinschaft Schule-Wirtschaft und entwickelt in der PH Ludwigsburg.

Frage: Seit dem Schuljahr 2006/2007 bieten Sie eine »offene Klasse« für Schulpflichtige an, die sich dem Schulbesuch entziehen wollen. Wie läuft diese Einrichtung?
Karl Beirer:
Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass da kein Schüler dabei ist, den man einfach nur »wachküssen« muss. Für einige sind wir auf einem guten Weg, doch dafür ist sehr viel Menpower nötig. Für wirkliche Erfolge ist ein längerer, sehr gut strukturierter Zeitraum nötig und Schulsozialarbeit zwingend erforderlich. Einen Schüler haben wir zur Berufsfachschule gebracht, einen in die BVJ-Teilqualifikation. Eine Schülerin besucht ein Dauerpraktikum, zwei arbeiten, zwei weitere sind im Praktikum, drei möchten anschließend ein reguläres BVJ besuchen. Mit zwölf Schülern arbeiten wir in der »offenen Klasse«. Es gibt aber zehn weitere Schulverweigerer im Landkreis Konstanz, an die wir bisher nicht herangekommen sind.

Frage: Wie sieht eine zukunftsfähige Schule aus?
Karl Beirer:
Die beruflichen Schulen müssen für sich ein Profil herausarbeiten, sich zu entsprechenden regionalen Kompetenzzentren weiterentwickeln, mehr Eigenständigkeiten bekommen und mit Budgets ausgestattet noch mehr Eigenverantwortung übernehmen. Dafür hervorragend ausgebildete Lehrkräfte erfahren die nötige Wertschätzung. Schule braucht Entlastung von zeitraubenden bürokratischen Aufgaben wie zahlreichen Statistiken. Ein Qualitätsmanagement sorgt für kritisches Hinterfragen von Führung sowie Lernarrangements und fördert mit entsprechenden Korrektiven eine lernende Organisation. So ist Schule als Partner Teil eines feinen Netzwerkes und ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Region.

Frage: Welche Möglichkeiten hat Schule denn, leistungsschwache Schüler in ein Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis zu bringen?
Karl Beirer:
Jeder Jugendliche hat Talente, diese müssen wir erkennen, fördern und kultivieren. Wenn Schüler beispielsweise im Unterricht ständig »zu kontaktfreudig« sind – also stören, dann könnte dieses kommunikative Element durch geeignete motivierende Methoden positiv wirken. Bei der Projektarbeit oder am Messestand der Übungs- oder Juniorfirma ist die Kontaktfreude geradezu ein Erfolgsfaktor. Wir holen die Schüler da ab, wo sie stehen, ermutigen sie und knüpfen Netzwerke, die ein Herausfallen hoffentlich verhindern. Realistische Perspektiven sind mit den Experten der Arbeitsagentur oder den Kammern zu suchen, Praktika anzubahnen, zu begleiten und auszuwerten, festgestellte Defizite zu verringern. Gerade Praktika bieten die Chance zum Kennen lernen und manche schlechte Note kann durch Einsatzfreude oder Ausdauer wett gemacht werden. Leider kann Schule keine neuen Arbeitsplätze schaffen oder hohe Anforderungen am Arbeitsplatz senken – da liegen unsere Grenzen. Aber Schule stellt »Anschlussorientierung« in den Mittelpunkt und qualifiziert in von Experten geortete Nischen und Arbeitsfelder der Region.

Simone Weiß