Paul
Lutz - erst Kunde, später in der Geschäftsführung
des Wochenblatt erinnert sich.
Singen
und das Eska, das war in den 60er und 70er Jahren eine Allianz,
die die Einkaufsstadt Singen voranbrachte. Ein fernes Handelsunternehmen
hatte damals die falschen Entscheidungen getroffen, die zum Ende
der Ära Eska führten, zumal damals das Warenhaus Karstadt
als große Konkurrenz auftrat. Doch das ist eine andere Geschichte.
Die erste Ausgabe des Wochenblatt, die damals zum Start in den
Sommerschlussverkauf 1967 das Licht der Welt erblickte und noch
von dem Schweizer Verleger Grüninger als »Postwurfsendung«
publiziert wurde bis der Mitarbeiter Hans Joachim Frese die Zeitung
selbst übernahm, hatte auf der ersten Seite eine Halbe Seite
Angebot des Kaufhaus Eska. Und das war die Grundlage auf der der
junge Verleger Hans Joachim Frese mit seinen Visionen bauen konnte.
Paul Lutz, der von Eska später in die Anzeigenleitung des
Wochenblatts wechselte, erinnert sich im Gespräch mit Wochenblatt-Redakteur
Oliver Fiedler.

Verleger Hans Joachim Frese wurde schnell zum wichtigen
Ansprechpartner in der Region und war Anfang der 80er Jahre auch
Vorsitzender des renommierten Fußballclubs FC Singen 04,
dessen finanzielle Sanierung er in die Wege leitete. Im Bild ist
er im Gespräch mit dem damaligen Singener Bürgermeister
und späteren Radolfzeller Oberbürgermeister Günther
Neurohr zu sehen. swb-Bild: pr
Frage:
Was war das damals für eine
Stimmung, als sich 1967 das Wochenblatt ankündigte?
Paul Lutz: Wir sind als Handel damals von der
führenden Tageszeitung nicht genügend bedient worden.
Die Zeitung hat zwar ihren Zweck erfüllt in dem sie über
alles mögliche berichtet hat, nur eben der Handel kam zu
kurz. Unsere Veranstaltungen wurden einfach nicht begleitet. Wir
waren einfach unzufrieden. Wir haben damals sogar versucht, die
zweite Tageszeitung, den Schwarzwälder Boten damals für
bestimmte Anlässe an alle Haushalte zu verteilen, nicht nur
an die Abonnenten. Wir hätten dafür sogar die Anzeigen
besorgt, doch zum Schluss kam ein Nein. Wir waren wieder auf dem
alten Stand. Und dann kamen eines Tages zwei Männer aus der
Schweiz und ein junger Mann dazu, der die Geschäftsführung
übernehmen sollte und haben mir als Leiter von Eska erklärt,
dass es eine Zeitung gibt in Zukunft, die an alle Haushaltungen
geht und die den Leser nichts kostet. Damit haben sie bei mir
offene Türen eingerannt. Es war für mich toll, auch
an die Leute, die keine Zeitung haben, meine Angebote unterbreiten
zu können und sie als Kunden zu gewinnen. Wir haben ihnen
zugesagt die halbe Titelseite zu belegen und zusätzlich eine
Lebensmittelanzeige zu machen. Das war eine wirtschaftliche Grundlage
für den Verlag. Nach einigen Wochen kam Herr Frese und sagte
dass er den Verlag nun selbst übernehme, das war mir noch
sympathischer gewesen, denn das Verhältnis zwischen Deutschen
und Schweizern war nicht das Beste. Beim FC Singen, dessen Spielausschussvorsitzender
ich damals war, wurden wir bei Spielen in St. Gallen noch als
die »Nazis «« angespuckt. Es gab dann zwar erst
mal wieder ein kleineres Verbreitungsgebiet aber wir begannen
eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Wir sind zusammen gewachsen.
Ich habe ihn unterstützt, wo immer es auch möglich war.
Frage:
Wie hat Singen und die Region von
dieser Zusammenarbeit profitieren können.
Paul Lutz: Als es damals zur Gründung des
City Ring Singen vor 36 Jahren kam, war Hans Joachim Frese eines
der sieben Gründungsmitglieder. Er hat natürlich den
City-Ring auch mit Ideen unterstützt. Das muss man unumwunden
sagen: der Herr Frese war ein Mensch, der Ideen und der Visionen
hatte, dadurch ist ja auch das Wochenblatt zu dieser Größe
geworden. Er konnte seine Visionen an den City Ring weiter geben.
Wir haben dann, damals unter meiner Regie zum ersten Mal das Stadtfest
gemacht. Es sind damals die ersten Geschäfte in der Südstadt
entstanden und auch in den umliegenden Städten wurden große
Märkte eröffnet, so dass wir etwas tun mussten. Es war
ein riesiger Erfolg geworden mit bis zu 100.000 Besuchern. Nicht
dass in den Läden Umsatz gemacht wurde, wir wollten dass
die Menschen aus der Umgebung die Singener City kennen lernen
und dadurch sehen, was es hier für eine Auswahl gibt um wieder
zu kommen.
Frage:
Dafür brauchten sie ein Medium
wie das Wochenblatt, um ihre Botschaft zu den Menschen zu bekommen.
Paul Lutz: Wir haben damals das Wochenblatt und
Herrn Frese gebraucht, wenn wir zum Beispiel eine Autoausstellung
in der Stadt organisiert haben, hat er darüber im Vorfeld
groß berichtet. Das gab es vorher nicht. Er hat auch die
Möglichkeit gegeben, dass sich die Autohändler in der
Stadt mal an einen gemeinsamen Tisch setzen, was damals schier
nicht möglich war.
Frage:
Das war eigentlich das, was heute
als Stadtmarketing bezeichnet wird.
Paul Lutz: Richtig. Und das haben wir vor 30,
35 Jahren nicht schlechter gemacht als heute. Mit dem Wochenblatt
konnten wir allen Menschen in der Region mitteilen was wir machen.
Frage:
Singen hat also sehr gewonnen durch
ein Medium wie das Wochenblatt.
Paul Lutz: Keine Frage. Es haben beide Seiten
sehr gut voneinander profitieren können. Durch das Wochenblatt
waren auch die anderen Zeitungen in Zugzwang geraten und reagierten
mehr auf das, was wir im Handel taten.
Frage:
Hans Joachim Frese und der FC Singen,
das haben sie mit eingefädelt.
Paul Lutz: Ich war damals der Meinung, dass Herr
Frese auch im sportlichen Bereich so etwas bewirken kann, wie
beim Handel in Singen. Er kam in den Vorstand und wurde dann 1982
zum Vorsitzenden gewählt und hat unter Präsident Schmidbauer
den Verein saniert. Ich habe damals Herrn Frese sogar für
das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, aber es wurde durch den
damaligen OB Möhrle nicht unterstützt.
Frage:
Wie wurden sie dann vom Kunden zum
Mitarbeiter des Wochenblatt?
Paul Lutz: Die Gesellschafter der Firma Eska
planten damals ein Kaufhaus, das größer geworden wäre
wie Karstadt heute. Es hätte das ganze Quartier zwischen
Ekkehard- und Schwarzwaldstraße umfasst. Es haben an den
Plänen schon Architekten in Singen und Düsseldorf gearbeitet.
Mit der Bautreuhand, die später Karstadt baute, war auch
ein großes Kaufhaus des Handels in Singen geplant, doch
es kam nicht zustande. Viele wollten sich dafür nicht engagieren.
Auf der anderen Seite wollte der damalige OB Möhrle Karstadt
unter allen Umständen in Singen haben. Karstadt kam, die
Vergrößerung von Eska kam nicht zustande, unser Versuch,
das Kaufhaus zu kaufen scheiterte. Der Kaufring hat Eska an das
Unternehmen Grohag in Wiesbaden verkauft. Das war für mich
ein Grund einen Schlussstrich zu ziehen. Ich war damals 54 Jahre
alt, Herr Frese hat mir im Vorfeld das Angebot gemacht gehabt,
im Wochenblatt anzufangen. Ich habe den Verkauf übernommen
und konnte dem Verlag neue Perspektiven eröffnen indem wir
Großkunden angesprochen haben. Edeka bildete den Anfang
und die Erfolge der Unternehmen mit dem Wochenblatt als Partner
eröffneten neue Perspektiven. Das Wochenblatt war auch lange
das einzige Anzeigenblatt, das seinerzeit Anzeigen des Discounters
Aldi erhalten hatte, ebenso wie von Karstadt. Da hat das Wochenblatt
Pionierarbeit geleistet.
Frage:
Das Wochenblatt als lokale Zeitung
musste aber Partner finden um den Wirkungskreis zu vergrößern.
Paul Lutz: Um den Großkunden ein attraktives
Verbreitungsgebiet zu ermöglichen, wurde von mir in Singen
der ABCSüdwest gegründet, der eine Kooperation von Anzeigenblättern
hier im Südwesten bedeutete und eine Auflage von rund 600.000
Ausgaben mit einer Anzeige, die nicht bei vielen Verlagen, sondern
über eine Centerstelle abgewickelt wurde.
Frage:
Welche Bedeutung hatte der Verleger
Joachim Frese für diese Region?
Paul Lutz: Er hat etwas geschaffen, auf das er
sehr stolz sein könnte. Als junger Mann hat er einen Verlag
auf die Beine gestellt, der in Deutschland seinesgleichen suchte.
Das ist ihm alleine zuzuschreiben. Er hat Dinge zum Erfolg gebracht
und was er sagte, hat er gehalten. Sein Wort war viel wert. Es
ist schade gewesen, dass er schon 1998 von uns gehen musste.
Frage:
Wie sehen sie als 81-jähriger
die Zukunft des Printmediums Wochenblatt?
Paul Lutz: Die neuen Medien wie Internet sind
erfolgreicher wie ich angenommen hatte. Sie werden aber niemals
eine Wochenzeitung wie das Wochenblatt ersetzen können.
Das
Gespräch führte Oliver Fiedler
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